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Wissensreifung in einer vernetzten Welt

Die Bedeutung von funktionierender Wissens- und Kompetenzentwicklung für die Bewältigung von wirtschaftlichen Herausforderungen und veränderten Rahmenbedingungen ist ungebrochen, auch wenn viele E-Learning-, Wissensmanagement- und Kompetenzmanagementansätze  nicht die Erwartungen erfüllt haben, die man mit ihrer Einführung verband. Vielen fehlte es an Akzeptanz durch die Mitarbeiter, wurden beim ersten Anzeichen einer Krise eingestellt oder sie sind oft zu administrativen Pflichtübungen verkommen. Gleichzeitig haben Social Media und User Generated Content die Art und Weise, wie wir kommunizieren und zusammenarbeiten fundamental verändert. Diese Entwicklungen haben gezeigt, dass gängige Vorurteile, warum Wissens- und Kompetenzmanagementansätze nicht funktionieren, so z.B. weil Mitarbeiter ihr Wissen nicht teilen möchten, hierzu keine Zeit und keine Anreize haben, zu kurz greifen. Vielmehr zeigen sie, dass man nicht ausreichend verstanden hat, wie Wissensentwicklung funktioniert und wo man ansetzen kann, dieses zu verbessern. 
 
Dreh- und Angelpunkt der Forschungsaktivititäten am Institut für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN) ist das Wissensreifungsmodell, einem modernen Modell für die Analyse von Wissensentwicklung in Organisationen und Netzwerken, das Wissen in charakteristische Phasen einteilt, die von Ideen über Diskussionen, Formalisierung, Pilotierung bis hin zur Standardisierung reichen. Dieses Modell wurde in Zusammenarbeit mit führenden Forschungseinrichtungen im Bereich Lernen und Wissensmanagement in mehreren Jahren unter der Federführung von Prof. Andreas P. Schmidt entwickelt und u.a. auch bereits in Beratungsprojekten eingesetzt.
 
 
Die derzeitigen Forschungsfragen sind auf mehreren Ebenen zu finden:
  • Wie sehen Methoden aus, mit denen man soziotechnische Lösungen für das Lernen (also abgestimmte Kombinationen von technischen, organisationalen und anderen sozialen Maßnahmen) systematisch entwickeln kann. Ein Beispiel ist hier die Frage, wie man beispielsweise mit patternbasierten Ansätze, wie man sie aus zahlreichen anderen Disziplinen (u.a. Architektur oder Softwareentwicklung) kennt, auf soziotechnische Probleme übertragen kann. Dies wird derzeit am ILIN  im Bereich motivationale und affektive Aspekte bei der technischen Unterstützung von Wissensprozessen federführend durchgeführt, um so das über Jahre aufgebaute einzelfallbasierte Wissen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen .
  • Wie sehen Systeme aus, die Lernen am Arbeitsplatz besser unterstützen und inbesondere Lern- und Arbeitsprozesse besser verschränken? Hierbei geht es um die wissenschaftlich fundierte Erprobung innovativer Methoden, z.B. unter Nutzung von aus Laufzeitdaten gewonnenen Indikatoren für Reife und Vertrauenswürdigkeit. Basis hierbei sind Social-Media-Ansätze und mobile Lösungen, die in benutzerorientierten Prozessen weiterentwickelt werden.
  • Wie kann Wissen so repräsentiert werden, dass Rechnersysteme den zwischenmenschlichen Umgang mit Wissen unterstützen kann? Durch die sich daraus ergebende Möglichkeit zur Automatisierung ergeben sich Möglichkeit zur Reduktion der Komplexität, aber die bislang verfügbaren Repräsentationsansätze (z.B. formale Ontologien, regelbasierte Ansätze) haben ihre Schwierigkeiten mit der Weiterentwicklung von Wissen in komplexen, schnellebigen und mit Unsicherheit behafteten Umgebungen. Konkret heißt dies auch: wieviel Formalisierung ist notwendig und möglich, und wie kann diese Formalisierung auch durch Nicht-Modellierungsexperten getrieben werden.
Das EU-Projekt Learning Layers mit einem Budget von über 12 Mio € widmet sich dem informellen Lernen am Arbeitsplatz, also dem Lernen, das abseits formeller Aus- und Weiterbildung stattfindet. Obwohl es den überwiegenden Teil des beruflichen (und privaten) Lernens ausmacht, hat man sich bislang nur sehr wenig damit beschäftigt, wie man dieses besser unterstützen kann. Das Projekt konzentriert sich dabei auf zwei Branchen und Pilotregionen: niedergelassene Ärzte in Großbritannien im Raum Leeds und Bauindustrie und -handwerk im Norden Deutschlands. Hierbei steht insbesondere die Frage im Vordergrund, wie man dieses Lernen in Netzwerken unterschiedlicher Art besser unterstützen kann. Ein identifiziertes Kernproblem ist dabei das Vertrauen zu digitalen Ressourcen und  das Mischen von Wissen auf unterschiedlichen Reifestufen (persönliche Meinungen vs. gesetzliche Regelungen oder Standards). Technisch wird hier am ILIN LivingDocuments entwickelt, ein System für die kontinuierliche Entwicklung von Wissen mit Dokumenten als gemeinsamem Anker. Es erlaubt das Teilen von Meinungen, Konversationen, das Aushandeln eines Konsenses und die Veröffentlichung von verbindlichen Standards auf eine Weise, dass Mitarbeiter flexibel und unterschiedlich intensiv in den Prozess der Wissensentwicklung eingebunden werden können, und das sowohl innerhalb des Unternehmens als auch unternehmensübergreifend.  
 
Das EU-Projekt EmployID beschäftigt sich mit einer tieferen Schicht des Lernens in Arbeitsumgebungen. Mitarbeitern wird - wie Unternehmen - zunehmend abverlangt, sich schnell und tiefgehend auf neue Bedingungen einzustellen. Hierzu werden ihnen zwar Fachwissen und Vorgehensweisen vermittelt; sie werden jedoch nicht dabei unterstützt, wie sie mit dem Wandel ihres beruflichen Selbstverständnisses umgehen, wie sie sich gegenseitig dabei unterstützen können. Am Beispiel europäischer Arbeitsagenturen, die vor der Herausforderung stehen, den Arbeitssuchenden genau jene Fähigkeit nahezubringen, sich an neue Bedingungen anzupassen, wird untersucht, wie technologieunterstütztes Lernen am Arbeitsplatz eben diese Identitätsentwicklung fördern kann. Technologien umfassen dabei die Nutzung potentiell großer offener Onlinekurse (MOOCs), E-Coaching, Reflektionsunterstützung und Social Networking. Im Kern steht dabei die Frage, wie man Mitarbeiter gezielt in die Lage versetzen kann, situativ das Lernen ihrer Kollegen zu unterstützen - und das im Spannungsfeld von Leistungsanforderungen, Führungshierarchien und politischen Rahmenbedingungen. Zusammen mit Partnern wie dem KIT, der Universitäten Warwick und Bochum, dem Netzwerk europäischer Arbeitsagenturen und weiteren Firmen- und Forschungspartnern werden in dem 4-Jahresprojekt soziotechnische Methoden entwickelt und erprobt. 
 
Daneben gibt es auch kleinere Initiativen, wie z.B. die Kooperation SpirOnto mit Palliativmedizin und -pflege sowie der spirituellen Begleitung durch Theologen. Hier werden neue Falldokumentationskonzepte und die hierfür erforderlichen Softwarelösungen erprobt, die die Dokumentation selbst zum Gegenstand  des kollaborativen und disziplinenübergreifenden Lernens machen. Hierzu werden Ontologien als technisch formalisierte Wissensrepräsentationen eingesetzt, die allerdings von den Anwendern selbst weiterentwickelt werden können. Dies wurde auch in der Vergangenheit in Bereichen wie dem Ambient-Assisted-Living (also der technischen Unterstützung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen für ein möglichst langes selbstbestimmtes Leben) erfolgreich eingesetzt. 
 
Eine wichtige Erkenntnis der letzten Jahre ist es, dass die bessere Unterstützung des Umgangs mit Wissen durch den Einsatz von Technologie nur dann wissenschaftlich sinnvoll untersucht werden kann, wenn man (i) aus mehreren Perspektiven und Fachdisziplinen das Problem angeht und (ii) Theoriebildung, praktische Anwendung und technische Innovation in einem iterativen Prozess miteinander verzahnt. Hierzu sind allerdings neue Methoden gefordert, die auch Gegenstand der Forschung am ILIN sind:
  • Forschung findet zunehmend in multidisziplinären Konsortien statt, in denen unterschiedliche Fachdisziplinen, aber auch unterschiedliche Interessen vertreten sind. Klassisches Projektmanagement ist hier überfordert, die notwendigen Lernprozesse zu moderieren, die oft die Annahmen in Frage stellen, die Projektplänen zugrundeliegen. Agile Methoden versprechen, dies zu bewältigen, sind allerdings (noch) nicht an große, verteilte Projekte angepasst. Über die Koordinationserfahrung in großen europäischen Projekten sind wir in der Lage, einen wichtigen Beitrag zu agilen Projektmanagementmethoden zu leisten und Best-Practice-Empfehlungen zu erarbeiten.  
  • Doch auch die Forschungsmethoden stehen vor großen Herausforderungen. Wirklicher Erkenntnisgewinn im Bereich des Umgangs mit Wissen und dessen Unterstützung ist zunehmend nur durch Kombination unterschiedlicher Methoden möglich. Dazu gehören empirische Studien in quantitativer und qualitativer Ausprägung, aber auch gestaltenden und evaluierende Ansätze, die Design-Based-Research-Gedanken folgen. Mixed-Method-Ansätze sind hier das neue Schlagwort, das sich gerade auch im Großen, also im angesprochenen multidisziplinären Umfeld bewähren muss. Auch hier ist teilweise noch mit großen Akzeptanzproblemen innerhalb der jeweiligen Fachdisziplinen zu kämpfen. Am ILIN werden hiezu auch Modelle für Design-based Research entwickelt, die qualitative Sozialforschung (Interviews, Fokusgruppen, ethnographische Methoden), quantitative empirische Forschung und technische Lösungsentwicklung (auf der Basis aktueller mobiler und Web-Technologien) und deren Evaluation systematisch verbinden.
Insgesamt zeigt sich immer deutlicher, dass innovative Lösungen durch die Vernetzung der unterschiedlichen Perspektiven und Disziplinen entstehen. Hier ist die Forschung am ILIN besonders gut aufgestellt, da wir uns methodisch mit den Herausforderungen der Multidisziplinarität und inhaltlich mit den sozialen Prozessen genauso wie mit der innovativen technischen Umsetzung beschäftigen.